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Kidnappings & Torture |
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September 15th,
2009 - Der seltsame Fall des Khaled El-Masri |
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Der seltsame Fall des Khaled
El-Masri By Stefan Mayr Süddeutsche Zeitung September 15, 2009 Was ist das Motiv für den
Angriff auf Neu-Ulms Oberbürgermeister? Die Ermittler rätseln. Der Täter
schweigt. Längst gilt der Lebenslauf
des Khaled El-Masri als eine schicksalhafte wie rätselhafte Geschichte, die
etliche Gerichte sowie Medien in aller Welt beschäftigt. Nun hat der
46-jährige Deutsch-Libanese am Freitag mit seinem Faustangriff auf den
Neu-Ulmer Oberbürgermeister Gerold Noerenberg in dessen Büro ein weiteres
Kapitel aufgeschlagen, das zahlreiche Fragen aufwirft. Warum attackierte das
nachweislich traumatisierte Entführungsopfer, das 2004 von CIA-Agenten in
Afghanistan gefoltert wurde, ausgerechnet Neu-Ulms Rathauschef, obwohl dieser
nichts mit El-Masris Wohnort Senden und wohl noch weniger mit dem
US-Geheimdienst zu tun hat? Und warum wurde der vorbestrafte El-Masri im
August aus dem Bezirkskrankenhaus Günzburg entlassen, obwohl er zuvor andere
Menschen bedroht hatte? Nur Erklärungsversuche Die Entlassung aus der
Psychiatrie kann die Memminger Oberstaatsanwältin Renate Thanner begründen,
zum Motiv der Attacke gibt es allenfalls Erklärungsversuche. "Man kann nicht jeden
Menschen, von dem man glaubt, dass er gefährlich werden könnte, vorsorglich
wegsperren", sagt Oberstaatsanwältin Thanner, "so sind nun mal die
Gesetze in einem Rechtsstaat, und das ist auch gut so." Nach Thanners
Angaben hat El-Masri im August einen Brief an Gerold Noerenberg geschrieben.
Weil dieser "wirren Inhalt" gehabt habe und weil El-Masri außerdem
Nachbarn bei einem Streit um lärmende Kinder mit dem Tod gedroht habe, wurde
er von der Polizei in das Bezirkskrankenhaus Günzburg eingewiesen. Die dortigen Ärzte
untersuchten El-Masri eingehend - und ließen ihn nach 24 Stunden wieder nach
Hause. "Eine Unterbringung eines Menschen gegen seinen Willen geht nur
unter zwei Bedingungen", sagt Renate Thanner, "erstens muss eine
Gefahr für sich oder andere bestehen, zweitens muss eine psychiatrische
Erkrankung vorliegen." Laut Thanner sahen die Ärzte durchaus ein
Gefahrenpotential, konnten aber keine Krankheit feststellen. "Und damit
mussten sie ihn entlassen", so die Ermittlerin. Und das Trauma, das
El-Masri von den Folterungen davontrug, "hat offenbar nicht den Grad
einer Erkrankung". Schweigen zu den Motiven Am Freitagvormittag war
El-Masri mit drei seiner sechs Kinder in das Neu-Ulmer Rathaus eingedrungen
und hatte dort mit Fäusten auf OB Noerenberg eingeschlagen und einen Stuhl
nach ihm geworfen. Danach ging er zum Freitagsgebet in die Moschee, nach dem
Gottesdienst wurde er festgenommen. El-Masri räumte den Angriff
ein, schweigt aber zu seinen Motiven. Zwar liegt der Zusammenhang mit dem
Brief an Noerenberg nahe, doch die wahre Ursache liegt wohl in El-Masris
Vergangenheit. "Die Erinnerung an Folter bleibt im Kopf gespeichert und
es wird immer Erinnerungsattacken geben", sagt die Psychologin Gerlinde
Dötsch vom Behandlungszentrum für Folteropfer in Ulm. "Wenn man damit
nicht umgehen kann, können Aggressionen hochkommen." Der Körper schütte
dann Stresshormone aus, "dabei entsteht unsinnige Energie, und wenn man
die nicht kanalisieren kann, kann es zur Explosion kommen." El-Masri
ließ sich einst von Dötsch behandeln, wechselte aber 2007 den Therapeuten. Haft auf Bewährung Im Dezember 2007 wurde
El-Masri wegen gefährlicher Körperverletzung und Brandstiftung zu einer
zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Diese wurde auf Bewährung ausgesetzt -
unter der Bedingung, dass El-Masri seine Psychotherapie fortsetzt. Dies hat
er auch bis zuletzt gemacht. Das heißt aber auch: El-Masris Trauma ist noch
nicht geheilt. Dazu kommt, dass er sich nach wie vor ungerecht behandelt
fühlt: Vor dem Verwaltungsgericht Köln ist eine Klage El-Masris gegen das
Justizministerium anhängig. Darin fordert er den Bund auf, in den USA die
Auslieferung jener CIA-Agenten zu beantragen, gegen die die
Staatsanwaltschaft München internationale Haftbefehle erlassen hat. Neu-Ulms Oberbürgermeister
Noerenberg, der für das friedliche Zusammenleben von Muslimen und Christen
eintritt, erlitt bei der Attacke eine blutende Kopfverletzung und musste
behandelt werden. Er war bis Montag krank geschrieben, am Dienstag will er
seine Amtsgeschäfte wieder aufnehmen und vor der Presse über den Vorfall
berichten. Das Jugendamt des
Landkreises Neu-Ulm will unterdessen klären, was mit El-Masris sechs Kindern
im Alter von drei bis zwölf Jahren geschehen wird. Die Familie bekommt
bereits seit zwei Jahren sozialpädagogische Hilfe durch zwei
Familienhelferinnen. "Die Frage, ob die Kinder weggenommen werden
sollten, stellt sich uns nicht", sagt Jugendamtsleiter Tilman Lassernig.
Die schulpflichtigen Kinder besuchen in Senden Regelschulen. "Das sind
ganz normale, unauffällige Kinder", betont Lassernig. External link: http://www.sueddeutsche.de/bayern/214/487618/text/ |